12.09.2012

Logistiker in Panik vor Demografie

Der Schrecken für die Zeitungsverleger nimmt kein Ende. Schon beim Bundeskongress 2010 beklagte der Verlegerverband BDZV den zunehmenden Zustellermangel. Denn durch die demografische Entwicklung würden in 10 Jahren die heute über 60jährigen, die nach Angabe des BDZV den größten Teil der Beschäftigten ausmachen, "voraussichtlich nicht mehr zur Verfügung stehen". Ja, das ist schon eine Tragik für die Verlagslogistiker, dass die Zusteller/innen einfach älter werden! Bei den Jungen habe die Tätigkeit als Zusteller/in ein "Imageproblem", befand der BDZV und "verliere seine Attraktivität als Zusatzverdienst für die Familie".

Nun hätten sich die Verleger ja fragen können, warum die "Attraktivität als Zusatzverdienst" flötengeht. Aber solcher anstrengender Überlegungen musste man sich nicht hingeben, denn schließlich schlaue und teure Berater längst die Lösung gefunden: Eine Imagekampagne muss her! Dafür hat z.B. die Süddeutsche Zeitung bzw. sie SZ Logistik eine eigene Werbeagentur beauftragt. Der Erfolg war wohl nicht so umwerfend. Nur hat das leider so viel Geld gekostet, dass auch nach 18 Jahren keine Lohnerhöhung mehr für die Zusteller/innen drin war.

"Abo ist für die Verlage wirtschaftlich so wichtig wie nie"

Das verkündete der BDZV auf seiner Konferenz "Zeitungsvertrieb im Wandel" Ende 2011. Doch, so die bittere Erkenntnis des Verlegerverbands, "bei den Zustellern herrscht ein eklatanter Personalmangel - und der wird sich in Zukunft noch verstärken".  Doch auch das erfolgreichste Mittel gegen die Zustellernot, ein beim BDZV eigenes gegründeter Arbeitskreis, fand nur "partielle Lösungsansätze". Abhilfe sollen "neue Beschäftigungsformen", "Lohnerhöhungen" und "Unterstützung durch Sachleistungen wie Schuhe, Winterjacken und Preisrätsel" schaffen.

Die durch eine Werbeagentur gestützte Phantasie der SZ Logistik brachte dann den "Münchner Morgen" zustande, der vorallem durch seinen (von den Machern vielleicht gar nicht gewollten) Zynismus auffällt. Und das darin enthaltende Gewinnspiel sorgt unter den Münchner Zusteller/innen halbjährlich für vibrierende Begeisterung.

Brav die Vorgaben umgesetzt, verehrte SZ Logistik! Aber wurde da nicht etwas vergessen? War nicht auch von Schuhen und sogar von LOHNERHÖHUNGEN die Rede. Allein das Wort sorgt vermutlich bei den Obersparkommissaren und ihren subalternen Bücklingen für Schnappatmung. Wie war doch die Losung? 30 Prozent EiNSPAREN! Jawoll! Zur allgemeinen Erheiterung wollen wir noch eine besondere Erkenntnis des BZDV-Kongresses hervorheben:

"Unerlässlich ist die persönliche Wertschätzung der Mitarbeiter"


Die Wertschätzung besteht in München zum Beispiel darin, angesichts des lauthals beklagten Zustellermangels 57 Zusteller/innen vor die Tür zu setzen. Weil sie angeblich zu schlecht zugestellt haben. Dieses Märchen wird schon alleine dadurch ad absurdum geführt, dass gegenüber Betriebsrat und Beschäftigten drei unterschiedliche Begründungen genannt wurden. In den Sozialplanverhandlungen wurde schließlich als Grund genannt, dass die ZVZ "zu teuer" gewesen sei. Um wieviel zu teuer die ZVZ denn gewesen ist, kann der Geschäftsführer aber nicht beantworten.  

"Ziel des verlegerischen Engagements ist es, einen wesentlichen Beitrag zu leisten für das Leben, das Arbeiten und die Selbstbestimmung des einzelnen in einer sozialverpflichteten, freiheitlich-demokratischen und marktwirtschaftlichen Gesellschaft."    

Wir versagen uns an dieser Stelle jeden weiteren Kommentar zum Verlag, zur Selbstbeweihräucherung in seinem Unternehmensleitbild und zum Verhalten führender Herren. Ein Verlag, der dort, wo die lebenswichtigen Abonnements zuverlässig bedient werden,  auf Beschäftigten herumtrampelt und sie ihrer Rechte beraubt. Denn nichts anderes ist das ZV-Modell. Liebe Leserinnen, liebe Leser, verzeihen sie uns diesen einzigen Kommentar dazu: Wir können gar nicht so viel essen, wie wir .... wollen.   

Kommentare:

  1. Wer Geisterbahnfahren mit solider Personal- und Vertriebsarbeit verwechselt, braucht sich über Imageprobleme nicht wundern!

    AntwortenLöschen
  2. Blitzerwarner
    Schuhe, Winterjacken, Preisrätsel? Rückkehr zur Tauschwirtschaft? Wozu hat man eigentlich das Geld erfunden? Um es ganz ungeniert zu sagen: wir denken immer nur an Geld, Geld, Geld. Denn nur deswegen machen wir diesen Job.

    AntwortenLöschen
  3. Antiphrasendrescher23.09.12, 19:20

    Wertschätzung ist ein Begriff aus dem Lexikon des Phrasendreschers. Der Verlag hat seine Wertschätzung des Zeitungszustellers längst kundgetan. Die Schätzung des Werts beträgt im Durchschnitt 5 - 6 Euro pro Stunde. Sklavenhaltung und humanitas schließen sich nicht gegenseitig aus, wie schon die alten Römer wussten, und Schizophrenie ist eine uralte menschliche Eigenschaft, die sich durch Sprachregelungen leicht ertragen lässt.

    AntwortenLöschen
  4. Diurnifer_Dux23.09.12, 19:24

    Welcher Tod ist der gnädigere: die allmähliche Auszehrung durch selbstverschuldeten Zustellermangel oder der Selbstmord durch E-paper?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @ Diurnifer Dux: Sehr gut auf den Punkt gebracht! Die Redaktion

      Löschen